Kommentare, Analysen und kurze Beschreibungen zu interessanten Wetterlagen oder Wetterphänomenen in der Schweiz

Samstag, 7. Januar 2012

4m Schnee in Arosa?

Snapshot Tagesanzeiger-online, 7. Januar 2012
Was für eine Schlagzeile: vier Meter Schnee soll es am Montag in Arosa haben. Da muss man nicht lange nachdenken um draufzukommen, dass diese Aussage falsch ist.

Aber sie ist ein typisches Beispiel dafür, dass es nicht immer einfach ist einem "Laien" (in diesem Fall dem Journalisten) einen meteorologischen Sachverhalt so zu erklären, dass die Schlagzeile am Ende auch richtig ist.

Der Auskunftgebende Meteorologe hat das  höchstwahrscheinlich schon richtig erklärt, nur war die Interpretiation des Journalisten falsch. Mit den 4 Metern ist die Neuschneesumme gemeint, der Journalist hat diese Zahl einfach als Gesamtschneehöhe interpretiert.

Hier zur Klärung die verschiedenen Begriffe:
  • Neuschneehöhe: wird alle 24h jeweils am Morgen auf einem am Boden liegenden Neuschneebrett gemessen. Nach der Messung wird der Schnee vom Brett gewischt. 
  • (Gesamt)schneehöhe: wird alle 24h jeweils am Morgen vom Schneepegel abgelesen oder mit dem Metermass gemessen. Die Gesamtschneehöhe kann sich beispielsweise durch Setzung, abschmelzen oder Neuschnee ändern.
  • Neuschneesumme: ist die Summe der täglich gemessenen Neuschneehöhe, also ein theoretischer Wert der nicht gemessen werden kann. Trotzdem ist er für klimatologische Untersuchungen (z.B. ob ein Winter schneereich war oder nicht) eine wichtige Grösse.
Am besten lässt sich das Ganze grafisch veranschaulichen. Dazu habe ich die 3 erwähnten Parameter für die Stationen Arosa, Andermatt und Oberwald in ein Diagramm gezeichnet. Hier sieht man auch sofort, was der Meteorologe dem Journalisten erklären wollte: In Arosa (Daten in blau) beträgt die Neuschneesumme zur Zeit etwa 350cm - wenn es optimal läuft, könnte die Neuschneesumme bis am Montag also tatsächlich auf 4m steigen. Nur ist das wie gesagt lediglich ein theoretischer Wert. Die Schneehöhe liegt im Moment bei 154cm, was immer noch ein neuer Rekord für einen 7. Januar ist (s. dazu auch hier).

Verlauf der Parameter Neuschnee 24h (Balken, linke Skala), Schneehöhe (strichliert, rechte Skala) und Neuschneesumme (dicke Linien, rechte Skala) vom 1. Dezember 2011 bis am 7. Januar 2012 für die Stationen Arosa, Andermatt und Oberwald

5 Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Artikel, um wieder einmal zu zeigen, wie Journalisten sehr oft über Sachen schreiben müssen, von denen sie keine Ahnung haben (können). Wieso so ein Artikel vor dem Erscheinen nicht gegengelesen wird, kann ich oft nicht nachvollziehen. Allerdings verhindert unsere schnelllebige Zeit ein Gegenlesen wohl in vielen Fällen, da die Artikel ja häufig online und somit so schnell als möglich erscheinen müssen. Und das legt sich dann leider in der Qualität nieder.

    Was ich allerdings in diesem Artikel wirklich schlimm finde, ist die Tatsache, dass der Fehler auch jetzt, um 8.1.2012 um 9:45 noch nicht korrigiert ist!! Aber 20min.ch ist für mich die unterste Schublade in Sachen Journalismus, sogar noch eine Etage tiefer als der Blick... Hier ist die Qualität meistens weit unter der Quantität angeordnet. Hautsache die Leute haben was (sensationelles) zu lesen...

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  2. Das mit dem Gegenlesen ist so eine Sache - da fehlt meist die Zeit. Aber eigentlich hat der Auskunftgebende ganz klar das Recht dazu.

    In vielen Fällen wirken die Journalisten am Telefon gehetzt, und man hat manchmal das Gefühl dass sie gar nicht richtig zu hören. Es gibt aber auch hier sehr grosse Unterschiede.

    Kommt noch dazu: Bei Sensationsmeldungen a la 4m Schnee wird der Artikel sehr schnell von anderen Medien übernommen und wird zum Selbstläufer. Da gibt's ja ein paar sehr berühmte Beispiele dazu.

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  3. Thurnherr Mischa8. Januar 2012 um 19:57

    ... wo man wieder mal sieht, wie die Medienschaffenden z.T. ihre Datenherkunft prüfen... meiner Meinung nach ist so ein Artikel dann - in welchen Themengebiet auch immer - einfach nur peinlich für den Verfasser. Zumindest dann wenn es eindeutig ist, dass der Jourmalist den Fehler gemacht hat und am Ende nicht sogar der Auskunftgeber der Leidtragende wird, was leider aber allzuoft vorkommt.

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  4. Thurnherr Mischa9. Januar 2012 um 19:59

    Die besagte Zeitung beweis mit dem selben Thema grad ein weiteres Mal, wie sensationslüstern sie ist: http://www.20min.ch/winterspecial/news/story/Ganz-Voralberg-von-der-Umwelt-abgeschnitten-22025839
    Um ganz Vorarlberg von der Umwelt abzuschneiden müsste man erstmal sämtliche Grenzen zur Schweiz dicht machen! Meine Güte, was für Banausen von Journalisten haben die da eigentlich angestellt?! Das ist ja der Gipfel der Lächerlichkeit!!

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  5. Der ist wirklich gut, wird ja immer grotesker.

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